Liebe Besucherinnen und Besucher, eine der offenen Fragen der Philosophie lautet: Was ist der Mensch? oder: Was macht den Menschen zum Menschen? oder Was macht – den deutlich feststellbaren – Unterschied zu den anderen Lebewesen unseres Planeten?

Es gibt aktuell zwei Antworten auf die Eingangsfrage. Eine Antwort ist die inzwischen bekannte Konsenstheorie des Verhaltensforschers Michael Tomasello. Hier bekommt der Mensch seine Einzigartigkeit über seine geteilte Intentionalität.

Die zweite Antwort ist der hier im folgenden dargestellte homo quaerens. Ausgangspunkt dieser Theorie ist die binäre Struktur der menschlichen Kognition. Immanuel Kant´s Vernunftsbegabung des Menschen wird aufgenommen und soll eine Vertiefung finden, insbesondere durch die im 18. Jahrhundert noch unbekannten Werkzeuge Systemtheorie und Evolutionstheorie. Einfach ausgedrückt, verbirgt sich hinter der binären Kognition die hier sehr grundlegend aufgefasste Fähigkeit zur Frage bzw. Fähigkeit zur Negation. Dieses damit verbundene innere Fragezeichen ist der Theorie zufolge der Urkeim der menschlichen Evolutionsgeschichte. Die Spezies homo war als erste Art in der Lage, die Symmetrie der Kognition zu brechen. Das führte zu einer früh beginnenden sukzessiven Auskopplung aus den strengen Regeln der Evolution im Sinne einer autonomieverstärkenden co-evolutiven Entwicklung. Die bis dahin vorherrschende kausale Codierung erfährt mit dem Erscheinen des homo vor ca. 9 Millionen Jahren einen entscheidenden Phasenübergang mit den bekannten weitreichenden Folgen. Die binäre Codierung macht den Menschen zum Menschen. In Symbolen ausgedrückt wird homo das Fragezeichen <?> zugewiesen und allen anderen Lebewesen dieses Planten das Ausrufzeichen <!>. Die binäre Codierung ist ein Implantat der Evolution. Daraus folgt auch, dass der Mensch sich nicht selbst erfunden hat. Alle Missing-Link-Theorien oder sonstige Affe-Mensch-Übergänge – wie bspw. Tomasello sie bemüht – oder auch Begriffe wie Menschenaffe wären mit einer Anerkennung des homo quaerens hinfällig und widerlegt.

Der Mensch wird damit zu einer geisteswissenschaftlichen Angelegenheit. In diesem Sinne werden die Begriffe Geist und Kognition synonym verwandt und mit der modernen Definition der Informationsverarbeitung sehr gut beschrieben (siehe bspw. Dorsch´s Lexikon der Psychologie). Denn Menschen und Tiere sind informationsverarbeitende Lebewesen. Der Unterschied liegt allein in der Codierung. Dabei kommt es nicht auf die Größe des Gehirns an, sondern auf die „Verdrahtung“. Frühe Menschen hatten kleine Gehirne, aber die binäre Codierung machte den Unterschied und nicht die Gehirnmasse.

Der Mensch hat sich folglich – von Beginn an – vom Geist her entwickelt. Dieser Paradigmenwechsel im Sinne einer Verschiebung von der Morphologie hin zum Geist bzw. Kognition ermöglicht weiterführende Deutungen zu vielen offenen Fragen, die bislang von den Naturwissenschaften mit unbefriedigenden Antworten beherrscht werden. Als Beispiele sollen der Werkzeuggebrauch und der aufrechte Gang dienen.

Der binär codierte Werkzeuggebrauch ist eine „Übertragung des Geistes“ in das Werkzeug. Wichtige Werkzeuge des Menschen sind die Hände. Schauen sie einem klassischen Pianisten während des Spiels zu. Der Geist – hier die Komposition – wird übertragen in komplexe Bewegungsabläufe. Unsere Hände waren mit hoher Wahrscheinlichkeit die ersten Werkzeuge des homo und auch in die Gegenstände in den Händen der Frühmenschen wurde der Geist übertragen. Deshalb ist der Filmschnitt in Kubricks „Odyssee 2001“ m. E, durchaus berechtigt, denn der Knochen in der Hand des Frühmenschen entwickelt sich zum Raumschiff des modernen Menschen als Folge der binären Codierung. Tiere benutzen ebenfalls Werkzeuge, aber dieser Gebrauch ist rein kausal codiert. Werkzeuge der Tiere sind lediglich Verlängerungen ihrer Gliedmaßen. Auch wir Menschen benutzen Werkzeuge kausal codiert, wenn wir uns bspw. mit Gehhilfen bewegen. Der etwa 100 Muskeln umfassende „Sprechapparat“ des Menschen ist ebenfalls ein binär codiertes Werkzeug des homo, welches die Verhaltenskoordination mittels sprachlicher Kommunikation gewährleistet. Und in der Kommunikation unter Menschen wird das erste Zweifeln und Staunen abgebildet durch das, was wir Frage nennen und schriftlich mit dem Symbol <?> kennzeichnen. Während der passive Hörsinn als Input zur Verhaltenskoordinierung auch bei Tieren vorhanden ist, hat sich der aktive Sprechapparat des binär codierten Menschen als Output im Sinne einer Übertragung des Geistes entwickelt. Wir codieren unsere Gedanken (besser Informationen) mittels Stimme in Umweltdaten, die wiederum von Artgenossen decodiert werden können von Umweltdaten zu Informationen im kognitiven System. Menschliche Sprache ist dann auch folglich binär codiert. Der Soziologe Niklas Luhmann spricht von Ja/Nein-Codierung der Sprache. Das Output der Tiere ist dagegen rein kausal codiert und beschränkt sich auf Signale, die als Bewegung interpretiert werden können. Dass Bellen eines Hundes hat keine andere tiefere Bedeutung als das Wedeln der Rute.

Schaubild Kommunikation

So wird dieser Theorie zufolge der aufrechte Gang nicht als rein körperliche evolutionäre Entwicklung verstanden, sondern als ein Aufrichten als Folge der binären kognitiven Struktur des Menschen. Das innere Fragezeichen als prägendes Kennzeichen der neuen Art homo erweckte ein erstes – wie wir es heute begrifflich fassen – Zweifeln und Staunen. Mit dieser erweiterten Codierung richtete sich der Blick nach und nach zum Horizont und in das Antlitz des Artgenossen. Die Folge war eine körperlichen Aufrichtung. Die Hände dienten mehr und mehr als binär codierte Werkzeuge und weniger für die Fortbewegung. Das begünstigte die Bipedie, welche vor ca. 4 Millionen Jahren ihre Anfänge zeigte. Der Anthropologe Yves Coppens hat in seinem Buch „Lucy´s Knie“ klar morphologisch nachgewiesen, dass der Mensch sich vom Kopf her aufgerichtet hat. Wie können sagen, er hat sich vom Geiste her aufgerichtet.

KI versus Mensch

Da die künstliche Intelligenz aktuell sehr präsent ist, möchte ich eine Abgrenzung zur „biologischen Intelligenz“ vorwegnehmen. Die binäre Codierung des Menschen unterscheidet sich von der bipolaren Codierung der KI. Dazwischen liegt, wie es so schön heißt, eine Welt. Während der Mensch systemintern Daten der Umwelt zu Informationen im System codiert, ist KI eine rein datenverarbeitende Maschine. Keine KI der Welt besitzt die Fähigkeit zur Frage! Das macht die KI im Prinzip zu einer trostlosen physikalisch-chemischen Wesenheit. Ganz abgesehen davon fehlt die Gefühlswelt und das soziologische Gefüge. Diese Intelligenzform ist – und das ist die eigentliche Gefahr – eine vom Ausrufezeichen geprägte gefühlskalte Datenverarbeitungsapparatur. Diktaturen sind eben auch geprägt vom Ausrufezeichen und von Gefühlskälte. In dieser Hinsicht ist fortwährende höchste Wachsamkeit geboten.

Ich würde mich freuen, wenn Sie sich im vollen Bewusstsein ihrer Fähigkeit zur Frage in meine Gedankenwelt hinein lesen. Von Gottlob Fichte stammt der Satz: „Eine einzige Idee kann eine ganze Philosophie entfalten.“ Ich ahne zumindest, was er damit meinte und wünsche viel Kurzweil sowie die ein oder andere geistige Anregung. 

Wenn sie sich in die Theorie einlesen möchten, haben sie mehrere Möglichkeiten:

1. HQ Kapitel 1

HQDeckblatt

2. Archiv I

Das sind Texte und Ideen zum homo quaerens, die ich im Laufe der jetzt 15 Jahre dauernden Entwicklung der Theorie geschrieben habe. Wie bspw. die 11 Thesen oder das Interview

Sie können mich gerne per Email kontaktieren. Die Theoriegrundlage zum homo quaerens wird von mir in einem ca. 1-stündigen Vortrag dargestellt.


Das Fragezeichen ist das wichtigste Zeichen der Welt – Raymond Cartier


Jedes Wort ist eine Frage – Rainer Maria Rilke


Alles beginnt mit der Differenz – Niklas Luhmann


Der Zweifel ist die Naturkonstante der Philosophie – der Autor nach Descartes


Computer sind nutzlos, sie können uns nur Antworten geben – Pablo Picasso


Nur Demokratie schafft die Erlösung von den Erlösern – der Autor


Der Körper ist nur die Form der Seele – Immauel Kant


mehr Leitsätze/Aphorismen

Ein mir wichtiges Projekt ist HQforKids

Das ist eine reich illustrierte und verständlich geschriebene Version für junge Leserinnen und Leser ab 13 Jahren.

Titel: Der Mensch, das Fragezeichen und die Demokratie

Eine wichtige Erkenntnis aus dem HQ ist die Verbindung des Ur-Menschen mit der Demokratie über das innere Fragezeichen. Die Demokratie als Staatsform erhält dadurch eine substanzielle Identifikation und Legitimation. Im Jahr 2022 scheint es bitter nötig, Gesellschaften mit gelebten demokratischen Strukturen als die größte Errungenschaft der Menschheit zu erkennen. 

Es war ein Zufall, dass das Cover des Buches in den Farben der Ukraine illustriert ist. Gerade steht für Europa das Fragezeichen auf dem Spiel. Es soll durch das Ausrufezeichen – das Zeichen der Diktatur – abgelöst werden. Die Fratze der Diktatur zeigt sich einmal mehr. Die Freiheit ist das höchste Menschenrecht jeder demokratischen Gesellschaft. Sie steht auch in unseren Grundgesetz in Art. 2 (1) GG noch vor dem Menschenrecht auf Leben Art. 2 (2) GG. Wer die Freiheit einmal kennengelernt hat, ist bereit – und das zeigt soeben das ukrainische Volk – dafür sein Leben einzusetzen.

Johannes Siebelts – Stand: Feb. 2025

Wirtschaftswissenschaftler mit den Schwerpunkten Systemtheorie und Kommunikation
Email: info(ät)homo-quaerens.de